"SKIKJÖRING IST ACTION, SPASS UND VIEL ADRENALIN"

 

von  Florian Brauchli //

Der Zürcher Unternehmer Jakob Broger hat sich nach seiner 15-jährigen Karriere als Amateurrennreiter mit Haut und Haaren dem Skikjöring verschrieben. Als Präsident der 2017 gegründeten «Skikjöring Drivers Association» ist es ihm ein grosses Anliegen, «Nachwuchs» für diesen actionreichen, spannenden Sport zu finden. Wer den Umgang mit Pferden liebt, sehr gut Ski fährt und furchtlos ist, ist beim Skikjöring genau richtig.


«PferdeWoche»: Was ist die Faszination am Skikjöring?

Jakob Broger: Das Skikjö­ring ermöglichte mir, mich nach meiner Reiterkarriere weiter im Wettkampf zu messen – Auge in Auge mit den Vollblütern in vollem Galopp in einem Feld mit maximal zwölf Startern. Es ist der Mix zwischen Adrenalinkick, der Chance, mit dem Pferd zusammen etwas zu leisten und dem Ambien­te des White Turfs auf dem gefrorenen See in St. Moritz. Skikjöring ist einzigartig in St. Moritz, eine Weltexklusivität seit 112 Jahren.

 

Wie sind Sie zum Skikjöring gekommen?

Aus Gewichtsgründen muss­te ich 1991 die Reitstiefel an den Nagel hängen. Da ich aber seit Ewigkeiten mit dem Rennsport verbunden bin, wollte ich weiter wettkampfmässig auf der Rennbahn aktiv sein, sodass das Skikjöring genau das Richtige für mich war.

 

Und im vergangenen Jahr wurde dann eine Vereinigung für die Skikjöringfahrer gegründet?

Ja, genau. Nach 111 Jahren, in denen es Skikjöring bereits gibt, dachten wir, es wäre an der Zeit, einen Verein zu gründen, um die Interessen der Aktiven gegenüber den Veranstaltern und dem Schweizer Renn­sport zu vertreten. Wir sind ein sehr exklusiver Verein mit nur rund 20 Mitgliedern.

 

Die Aufnahme ist an die Bedingung geknüpft, dass man bei einem Skikjöring einmal das Ziel erreicht haben muss. Der Vorstand besteht neben mir aus Valeria Holinger, die amtierende Skikjöringkönigin, und Franco Moro.

 

Sind Sie auf der Suche nach neuen Mitgliedern?

Ja, wir fühlen uns verpflichtet, frisches Blut in die Skikjöringszene zu bringen. Es sollte nicht sein, dass die «alten Männer» – fünf sind bereits über 50 Jahre alt – den Jungen vor der Sonne stehen. Darum haben wir uns auf die Fahne geschrieben, dass wir aktiv Nachwuchs suchen, finden und ausbilden müssen. Früher waren die Skikjöringfahrer Skilehrer aus dem Oberengadin mit Pferdebezug. Das hat sich dramatisch geändert. Wir haben zunehmend Probleme, Leute zu finden, die sich den Umgang mit Pferden gewohnt sind.

 

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um eine Karriere als Skikjö­ringfahrer einzuschlagen?

Wir suchen Leute, die mindestens 18 Jahre alt sind. Man sollte im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Die Renndistanz von 2700 Meter ist für einen trainierten Skifahrer nicht so ein Problem. Aber ein Rennen fahren, inmitten der anderen Pferde, das ist körperlich und auch psychisch sehr anspruchsvoll. Man darf keine Angst haben. Grundvoraussetzung ist aber, dass man sehr gut Skifahren kann. Das Allerwichtigste ist der Umgang mit dem Pferd – den muss man beherrschen. 

Man sollte sich bewusst sein, dass ein Vollblüter auch durch seine Masse, seinen eigenen Charakter und seinen Renninstinkt ein gewisses Risiko birgt. Ich traue manchem zu, eine Runde auf Skiern hinter einem Rennpferd zu absolvieren. Aber im Kampf zwischen den anderen Galoppern ist es nochmals etwas ganz anderes. Das darf man nicht unterschätzen, denn es ist anspruchsvoll, unberechenbar und hektisch. 

 

Wie sieht die Ausbildung zum Skikjöringfahrer aus?

Die Ausbildung umfasst drei Teile. Teil eins ist das alpine Skifahren. Ein Skilehrer beurteilt, ob man gut genug Ski fährt, um ein Skikjöring zu bestreiten. Teil zwei ist eine Art Fahrprüfung hinter dem Pferd. Man muss einige Fahrübungen absolvieren, damit man sieht, ob man das Pferd gut lenken kann. Dabei geht es aber nicht um Geschwindigkeit, sondern nur um die Einwirkung des Fahrers auf das Pferd. Teil drei ist die Theorie, die Kenntnisse des Reglements. Man muss wissen, welche Regeln gelten,

was erlaubt und verboten ist.

 

Wo und wann kann man diese Ausbildung machen?

Bis anhin waren die ersten beiden Teile immer nahe beisammen im Januar/Februar. Nun versuchen wir aber anzustossen, dass man den alpinen Teil bereits Anfang Winter absolvieren kann. Der zweite Teil, der auf der Rennbahn in St. Moritz stattfindet, ist immer am schwierigsten. Da muss man kurzfristig schauen, wer Pferde zur Verfügung stellt – entweder bringt man ein eigenes mit oder die Lizenzkommission stellt eines zur Verfügung. Die Kosten halten sich dabei in Grenzen. Die Lizenzprüfung kos­tet aktuell noch 1000 Franken. Man ist aber in Gesprächen, diese zu senken.

 

Stichwort Pferd – was macht ein gutes Skikjöringpferd aus?

Erstens muss das Pferd die Renndistanz von 2700 Meter auf 1800 Meter Meereshöhe bewältigen können, also eher ein «Steher» sein. Zweitens muss das Pferd gut lenkbar sein. Die Galopprennpferde sind es sich nicht gewöhnt, dass fünf Meter hinten ihnen noch was dranhängt, lenken und Einfluss nehmen will. Der Fahrer braucht Platz. Drittens muss ein gutes Skikjöringpferd von sich aus kämpfen, kompetitiv sein wollen. Die Einwirkung vom Skifahrer ist viel weniger ausgeprägt als bei einem Jockey, der sein Pferd auf der Zielgeraden noch stärker pushen kann.

 

Welches Material muss man als Fahrer selber stellen?

Eigentlich nur Skier, Ski­ausrüstung, Protektoren und Helm. Das Geschirr und das Renndress wird vom Veranstalter zur Verfügung gestellt und kontrolliert. Die Pferde werden von den Besitzern gestellt, wie bei den anderen Galopp­rennen auch. Die Protektoren an Beinen und Brust sind sehr wichtig. Wenn man hinter den Pferden fährt, können schon mal harte Schneebrocken nach hinten fliegen. Wenn man nicht ausreichend geschützt ist, kann man an Beinen, Brust und im Gesicht böse Hämatome einfangen.

 

Wie kann man Skikjöring trainieren?

Eigentlich gar nicht. Bei einem neuen Pferd wissen wir erst nach dem ersten Rennen, ob es taugt oder nicht. Offroadkjöring zum Beispiel ist nicht zu vergleichen, denn ein Rennpferd ohne Reiter beim Skikjö­ring ist ein ganz anderes Wesen. Der Fahrer kann sein Skifahren trainieren und die Pferde werden normal im Training unter dem Reiter vorbereitet. Am ers­ten Rennwochenende erfolgt am Samstag die Pferde­inspektion, dann erhält man das Geschirr, wir schirren die Pferde ein und hängen uns an die Zugstange und die Leinen. Die Skikjöringkommission inspiziert dann die Gespanne, welche noch immer von Pferdeführern unter Kontrolle gehalten werden. Am Sonntag gilt es dann bereits ernst. Wir Skikjöringfahrer sind dabei eine eingeschworene Truppe, respektieren und helfen uns gegenseitig. Klar wollen wir alle den Rennsieg und sind im Rennen Konkurrenten, aber wir sind auch glücklich, wenn alle heil ins Ziel kommen und wir anschliessend in der Garderobe zusammen ein Glas Champagner trinken, welches jeweils der Sieger bezahlt.

 

Wo muss man sich melden, wenn man nun Lust hat, eine Karriere als Skikjö­ringfahrer einzuschlagen?

Es gibt die Skikjöringkommission des Rennvereins St. Moritz, die alles überwacht. Sie managt das Reglement unter dem Dach von Galopp Schweiz. Sie wirken bei der Rennleitung mit und vergeben die Lizenzen für einen Start. Die Kommission besteht aus einer kleinen Gruppe von ehemaligen Skikjöringfahrern. Bei Interesse sollte man sich noch vor Ablauf des Jahres bei ihnen melden. Viele Informationen findet man auch auf unserer Webseite skikjoering.ch.

 

(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 38/2018)